Wählerstromanalyse LTW Steiermark 2000

Univ.Prof. Dr. Erich Neuwirth

Vorbemerkungen
Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse
Graphische Darstellung der Wählerströme
Tabellenteil
Methodische Bemerkungen
Verfahrensfragen

Vorbemerkungen

Diese statistische Wählerstromanalyse unterscheidet sich merkbar von der im ORF noch am Wahltag publizierten Analyse. Unterschiede sind insbesondere bei politisch relevanten Fragestellungen wie etwa der Größe des Wählerstroms zwischen der SPÖ und der FPÖ einerseits und ÖVP und der FPÖ andererseits festzustellen. Unsere Analyse wurde im Gegensatz zur ORF-Analyse von einem wissenschaftlich ausgewiesenen Statistiker erstellt. Zumindest aus wissenschaftlich-methodischer Sicht erscheint es daher sinnvoll, die im ORF publizierte Analyse nicht als alleinige Grundlage der Interpretation des Wahlergebnisses heranzuziehen.

Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse

Graphische Darstellung der Wählerströme

 

Grafik: Stimmenverteilung

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Der zweite Balken dieser Graphik repräsentiert die SPÖ-Stimmen von 1995. Die Unterteilung dieses Balkens gibt an, wie sich die SPÖ-Wähler von 1995 bei der Wahl 2000 auf sämtliche kandidierenden Parteien verteilt haben. Da die SPÖ ca. 80% ihrer Wähler halten konnte, ist der rote Teilbalken der größte Teilbalken des gesamten SPÖ-Balkens. Da sie am stärksten an die Nichtwähler verloren hat, ist der weisse Teilbalken der zweitgrößte Teilbalken.

Grafik: Stimmenzusammensetzung

 

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):
Der erste Balken dieser Graphik stellt die Zusammensetzung der ÖVP-Stimmen von 2000 dar. Man sieht ganz deutlich, daß die ÖVP ihre Zugewinne nahezu ausschliesslich auf Kosten der FPÖ erzielt hat.

 

Tabellenteil

Wählerbewegungen in Stimmen

 

ÖVP

  SPÖ

FPÖ

GR

LIF

NW+So

Schw.

ÖVP

273000

0

3000

0

0

0

3000

SPÖ

 

214000

11000

6000

5000

39000

3000

FPÖ

39000

0

69000

2000

2000

20000

5000

GR

0

0

0

17000

1000

14000

3000

LIF

0

0

0

10000

0

19000

3000

NW+So

0

0

0

2000

0

161000

6000

 

Wie ist diese Tabelle zu lesen (ein Beispiel):
Die erste Zeile bedeutet, daß von allen Wählern, die 1995 die ÖVP gewählt haben, 273000 auch 2000 wieder die ÖVP gewählt haben. 3000 ÖVP-Wähler von 1995 sind 2000 zur FPÖ gewechselt. Die ausgewiesenen Zahlen sind mit einer statistischen Schwankungsbreite, die für jede Partei getrennt in der letzten Spalte ausgewiesen werden, behaftet.

 

Wählerbewegungen in Prozent der Ausgangspartei

ÖVP

SPÖ

FPÖ

GR

LIF

NW

Schw.

ÖVP

99.0%

0.0%

1.0%

0.0%

0.0%

0.0%

1.0%

SPÖ

0.0%

78.1%

3.9%

2.3%

1.7%

14.1%

1.0%

FPÖ

29.8%

0.0%

52.7%

1.3%

1.2%

15.0%

3.5%

GR

0.0%

0.0%

0.0%

52.4%

3.2%

44.3%

10.0%

LIF

0.0%

0.0%

0.0%

33.1%

0.0%

66.9%

12.0%

NW

0.0%

0.0%

0.0%

1.3%

0.0%

98.7%

3.5%

 

Wie ist diese Tabelle zu lesen (ein Beispiel):
Die erste Zeile gibt an, wie sich die ÖVP-Wähler von 1995 bei der LTW 00 anteilsmäßig auf die Parteien verteilt haben. Die ÖVP konnte 99,0% ihrer Wähler halten und verlor 1,0% ihrer Wähler (von 1995) an die FPÖ.
Aufällig an dieser Tabelle ist die ziemlich hohe statistische Unsicherheit, mit der die Schätzungen für Grüne und LIF behaftet sind. Sie sind aber methodisch unvermeidlich.

 

Zusammensetzung der Parteienstimmen

ÖVP

SPÖ

FPÖ

GR

LIF

NW

ÖVP

87.5%

0.0%

3.2%

0.0%

0.0%

0.0%

SPÖ

0.0%

100.0%

12.9%

17.3%

63.9%

15.3%

FPÖ

12.5%

0.0%

83.9%

4.7%

21.5%

7.7%

GR

0.0%

0.0%

0.0%

46.2%

14.6%

5.6%

LIF

0.0%

0.0%

0.0%

26.1%

0.0%

7.6%

NW

0.0%

0.0%

0.0%

5.8%

0.0%

63.7%

 

Wie ist diese Tabelle zu lesen (ein Beispiel):
87,5% der ÖVP-Wähler von 2000 haben schon 1995 die ÖVP gewählt, 12,5% der ÖVP-Wähler haben 1995 die FPÖ gewählt.

 

Methodische Bemerkungen

Die vorliegende Wählerstromanalyse berechnet Schätzwerte für den Umfang der Wählerbewegungen zwischen den einzelnen Parteien Sie verwendet dazu die Wahlergebnisse aller Gemeinden. Zunächst eine methodische Erläuterung am Beispiel des Vergleichs von LTW 95 und der LTW 00: Grundlage der verwendeten Methode ist die Annahme, daß sich die Wähler einer bestimmten Partei von 1995 diesmal (also 2000) in allen Gemeinden eines Bundeslandes nach etwa demselben Verteilungsschlüssel auf die 2000 kandidierenden Parteien aufgeteilt haben, daß also beispielsweise der Anteil aller SPÖ-Wähler von 1995, die 2000 die ÖVP gewählt haben, in allen steirischen Gemeinden annähernd gleich war. Ohne eine solche oder ähnliche Annahmen sind Wählerstromanalysen nicht möglich. Unter dieser Annahme lassen sich mit ziemlich aufwendigen mathematisch-statistischen Verfahren die Wählerströme schätzen, und man kann zusätzlich auch Schwankungsbreiten für diese Schätzwerte angeben. Für die politische Interpretation der Ergebnisse ist die Angabe von Schwankungsbreiten von hoher Bedeutung, weil Wählerbewegungen, deren Umfang mit hoher statistischer Absicherung angegeben werden kann, andere Schlußfolgerungen zulassen als mit hohen Unsicherheiten behaftete Schätzungen. Verfahrensfragen

Verfahrensfragen

Bei Wählerstromanalysen gibt es drei Hauptprobleme technischer Natur:

Man muß eine eigene zusätzliche "Partei der Nichtwähler" einführen, weil das Nichtwählen eine mögliche zu berücksichtigende Wählerentscheidung ist. Daher muß man auch Wählerströme von und zu dieser Gruppe berechnen und diese natürlich auch in der Analyse ausweisen. Selbstverständlich kann eine Wählerstromanalyse nur Auskunft über die Neuaufteilung der Wähler jener Parteien geben, die bei der betrachteten Vorwahl tatsächlich kandidiert haben.

Eigentlich geht das mathematische Modell der Wählerstromanalyse von der Fiktion der gleichen Wählerschaft bei beiden untersuchten Wahlen aus. Das entspricht natürlich nicht ganz der Wirklichkeit. Prinzipiell wäre es auch möglich, diese Änderung der Wählerschaft im Modell der Analyse zu berücksichtigen, allerdings stehen die dafür notwendigen Daten nicht zur Verfügung. Daher müssen wir uns mit einer Fiktion behelfen. Wir gehen von einer fiktiven Vorwahl aus, die etwa am Tage vor der aktuellen Wahl stattgefunden haben könnte, und bei der schon alle Wähler der neuen Wahl teilgenommen haben. Das (fiktive) Ergebnis dieser Wahl setzen wir so an, daß die Parteien dabei dieselben Anteile erreichen wie bei der realen Vorwahl. Das bedeutet ungefähr, daß wir zunächst einmal annehmen, daß die weggestorbenen Wähler und die Erstwähler bezogen auf die kandidierenden Parteien der Vorwahl etwa dieselbe Zusammensetzung aufweisen wie jene Wähler, die tatsächlich bei beiden Wahlen teilgenommen haben. Die berechneten Wählerströme beziehen sich dann auf den Vergleich der fiktiven Vorwahl mit der aktuellen Wahl. Hätten die weggestorbenen Wähler in höherem Maße für Partei A gestimmt als die restlichen Wähler und die hinzugekommenen Erstwähler in höherem Maß für Partei B, dann würde sich das in der statistischen Analyse als Wählerstrom von Partei A zu Partei B äußern.

Statistische Methoden liefern bei sehr kleinen Parteien keine zuverlässigen und aussagekräftigen Schätzungen mehr. Daher werden in der vorliegenden Analyse nicht alle kandidierenden Parteien untersucht, sondern nur die bereits im Parlament vertretenen. Die restlichen Stimmen werden mit den Nicht- und Ungültig-Wählern zusammengefaßt. Jene Gruppe, die wir im folgenden mit der Abkürzung NW+So bezeichnen werden, besteht also aus den Nichtwählern, den Ungültig-Wählern und den Wählern der in der Analyse nicht gesondert ausgewiesenen Kleinstparteien.