Ein Bericht von Josef Broukal, dem Hochrechnungs- und Analyse- Berichterstatter des ORF-Fernsehens

And the winner is...

Wie im ORF Hochrechnung und Wählerstrom-Analyse laufen

16:59:45, 16:59:46, 16:59:47, ... Wie bei jeder Nationalratswahl, so wird auch am 17. Dezember um Punkt 17 Uhr die erste Hochrechnung des ORF schlagartig klarmachen, was aus den Hoffnungen, den Plänen, den Wahlstrategien der Parteien geworden ist. Auf ein, zwei Mandate genau werden wir wissen, ob Wolfgang Schüssel Platz 1 erobert oder Franz Vranitzky ihn noch einmal verteidigt hat. Ob die FPÖ zugelegt hat, ob die Grünen das angepeilte "satte zweistellige Prozent-Ergebnis" erreichen konnten und ob Heide Schmidts Liberale den Wiedereinzug ins Hohe Haus am Ring geschafft haben. Hochrechnung und Wählerstrom- Analyse machen es möglich. Der ORF hat für die Nationalratswahl am 17. Dezember Univ.Doz. Dr. Erich Neuwirth mit dieser Arbeit betraut. Die steirische Landtagswahl betreut Günther Ogris vom IFES-Institut.

An die Hochrechnung haben sich die Zuseher in drei Jahrzehnten anscheinend gewöhnt. Niemand fragt, wieso zuerst Prof. Bruckmann und später dann Doz. Neuwirth oder Günther Ogris um 17 Uhr imstande waren, auf ein paar Mandate genau das Wahlergebnis vorherzusagen, obwohl erst ein kleiner Teil der Stimmen ausgezählt ist. Schließlich weiß man spätestens um 19 Uhr 30, daß die Hochrechnung gestimmt hat.

Anders ist es bei der Wählerstrom-Analyse mit ihren fliegenden Plättchen, von denen jedes eine Verschiebung von zehntausend Wählerstimmen von einer Partei zur anderen anzeigt. Viele Menschen fragen sich: "Woher wissen die, welche Partei ich das letzte mal gewählt habe und welche heute, ohne daß sie mich gefragt haben?"

Um es gleich vorweg zu sagen: Keine Angst, das Wahlgeheimnis wird in Österreich streng eingehalten. Niemand schaut einem beim Wählen über die Schulter. Aber wenn dann am Wahlabend mehr als fünf Millionen Stimmen vorliegen, dann kann die Statistik sehr wohl herausfinden, wieviele Wähler ihrer alten Partei den Rücken gekehrt und einer neuen die Stimme geschenkt haben. Der Weg zur Wählerstrom-Analyse ist allerdings weit...

Für ganz Ungläubige...

... am Anfang gleich ein verblüffender Beleg für die Richtigkeit der Wählerstrom-Analyse: Mit ihrer Hilfe werden am Wahlabend die Mandate hochgerechnet. Wäre die Wählerstrom- Analyse grundlegend falsch, dann könnte wohl nur der blinde Zufall dafür sorgen, daß die Mandats-Hochrechnung richtig ist.

Vom ORF gesendet wird die Wählerstrom-Analyse aber erst, wenn alle Stimmen ausgezählt worden sind. Die Wählerstrom-Analyse für die Mandats-Hochrechnung wird dagegen nicht bekanntgegeben. Sie enthält nur die Daten der bereits ausgezählten Gemeinden. Mit der Annahme, daß die Wählerströme jeder Partei in allen Gemeinden eines Bundesland gleich sind, läßt sich aber schon aus ein paar Gemeinde-Ergebnissen das voraussichtliche Bundesland- Ergebnis schätzen. Und aus neun Bundesland-Ergebnissen die ganze Nationalratswahl. (Mehr im Abschnitt "Voraussetzungen".)

Was aber geschieht, wenn aus einem Bundesland nur ganz wenige Ergebnisse vorliegen—oder gar keines, wie aus Wien um 17 Uhr? Dann nützt Dr. Neuwirth seine Erfahrungen aus früheren Wahlen und schätzt einfach: Wenn Partei X in Niederösterreich und im Burgenland bei der aktuellen Wahl soundso viele Stimmen an Partei Y abgegeben hat, und wenn man aus früheren Wahlen weiß, daß Partei X in Wien normalerweise Z Prozent weniger an Partei Y abgibt als in Niederösterreich, dann heißt das vermutlich für Wien...

Voraussetzungen

Die Wählerstrom-Analyse, wie sie Univ.Doz. Erich Neuwirth am 17. Dezember errechnen wird, geht von folgenden Annahmen aus:

Bei allen vergangenen Nationalratswahlen hat sich gezeigt, daß diese Annahmen imstande sind, die Mandate und Stimmenprozente aller Parteien ziemlich gut vorauszusagen.

Durchführung

Würden nur zwei Parteien an einer Wahl teilnehmen, dann wäre es zwar ein gutes Stück Gedankenarbeit, aber keine große Kunst, den Wählerstrom zu berechnen. Denn: Was Partei A verliert, muß Partei B gewonnen haben, und umgekehrt.

Was aber ist, wenn es vier, fünf Parteien gibt? Jede Partei kann an jede andere Stimmen verlieren und von jeder anderen Stimmen gewinnen. Und außerdem—siehe das Liberale Forum 1994—stellen sich Parteien auch das erste Mal zu Wahl; für diese Parteien kann es gar keine alten Wahlergebnisse als Vergleich geben!

Bei jeder Wahl wechseln viele hunderttausend Wähler zwischen den Parteien. Es muß also Wählerströme geben, die Frage ist nur, wie findet man sie? Einfach gesagt: Durch Versuch und Irrtum. Das Ergebnis der letzten Wahl ist bekannt; das der aktuellen Wahl ebenso. Der Wahlstatistiker legt zunächst einmal für alle möglichen Wählerströme einigermaßen plausible erste Werte fest. Anhand dieser Werte errechnet er dann aus dem alten Wahlergebnis das neue, und zwar für jede Partei in jeder Gemeinde. Normalerweise hat das Ergebnis dieser ersten Rechnung nicht allzuviel mit dem wirklichen Wahlergebnis zu tun—aber man sieht daran, welche Annahmen offenbar falsch gewesen sein müssen. Diese Annahmen werden verändert, und dann beginnt das Spiel noch einmal. Fünfzig bis sechzig Mal muß man dieses Verfahren aus Versuch, Irrtum und verbessertem Versuch durchführen, dann paßt es. Die angenommenen Wählerströme haben das neue Wahlergebnis aus dem alten errechnet. Selbst auf einem modernen Hochleistungs-PC dauert das mit mathematischer Spezial-Software (MATLAB von The MathWorks) eine gute Minute.

Freilich bleiben bei jeder Wählerstrom-Analyse einige nicht weiter erklärbare Abweichungen übrig. Sind die Abweichungen groß, dann ist die Analyse mit großen Unsicherheiten behaftet—sie gibt dann wohl nicht mehr als ungefähre Größenordnungen an. (Auch wenn die Politiker nach jeder Wahl—vorausgesetzt, die Wählerstrom-Analyse paßt ihnen—so tun, als wäre sie eine letzte Wahrheit). Bei der Nationalratswahl 1994 konnten die Wählerströme nur auf 8.000 bis 25.000 Stimmen genau angegeben werden. In der Praxis heißt das, daß Wählerströme zwischen großen Parteien genauer errechnet werden können.

Dr. Neuwirth hat übrigens im Internet eine Wählerstrom- Analyse der Nationalratswahl 1994 veröffentlicht. Sie finden Sie an der Adresse http://SunSITE.univie.ac.at/Austria/elections/. Außerdem an dieser Internet-Adresse: eine Beschreibung der Nationalratswahlordnung.


Autor: Josef Broukal
Letze Änderung: EN 19951205

Zurück zur SunSITE Austria Home Page