Statistische Wählerstromanalyse
der EU-Wahl 1996

Vergleich mit der NRW 1995 und mit der EU-Abstimmung 1994

Erich Neuwirth
Institut für Statistik, OR & Computerverfahren, Universität Wien

Inhalt

Methodische Vorbemerkungen
Verfahrensfragen
Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse
Graphische Darstellung der Wählerströme
Tabellenteil

Methodische Vorbemerkungen

Die folgende Wählerstromanalyse berechnet Schätzwerte für den Umfang der Wählerbewegungen zwischen den einzelnen Parteien bzw. zwischen den Ja- und den Nein-Stimmen bei der EU-Volksabstimmung. Sie verwendet dazu die Wahlergebnisse aller österreichischen Gemeinden und in Wien die Wahlergebnisse der Bezirke.

Zunächst eine methodische Erläuterung am Beispiel des Vergleichs von NRW 95 und EU-Wahl 96:
Grundlage der verwendeten Methode ist die Annahme, daß sich die Wähler einer bestimmten Partei von 1995 diesmal (also 1996) in allen Gemeinden eines Bundeslandes nach etwa demselben Verteilungsschlüssel auf die 1996 kandidierenden Parteien aufgeteilt haben, daß also beispielsweise der Anteil aller SPÖ-Wähler von 1995, die 1996 die ÖVP gewählt haben, in allen oberösterreichischen Gemeinden annähernd gleich war. Ohne eine solche oder ähnliche Annahmen sind Wählerstromanalysen nicht möglich.

Unter dieser Annahme lassen sich mit ziemlich aufwendigen mathematisch-statistischen Verfahren die Wählerströme schätzen, und man kann zusätzlich auch Schwankungsbreiten für diese Schätzwerte angeben. Für die politische Interpretation der Ergebnisse ist die Angabe von Schwankungsbreiten von hoher Bedeutung, weil Wählerbewegungen, deren Umfang mit hoher statistischer Absicherung angegeben werden kann, andere Schlußfolgerungen zulassen als mit hohen Unsicherheiten behaftete Schätzungen.

Dasselbe Verfahren wird beim Vergleich der NRW 96 und der EU-Abstimmung 94 verwendet. Im entsprechenden Teil der Analyse wird untersucht, wie sich die Wähler der einzelnen Parteien von 1996 bei der Abstimmung 1994 auf die Ja- und die Nein-Stimmen aufgeteilt haben.

Verfahrensfragen

Bei Wählerstromanalysen gibt es drei Hauptprobleme technischer Natur:

Man muß eine eigene zusätzliche "Partei der Nichtwähler" einführen, weil das Nichtwählen eine mögliche zu berücksichtigende Wählerentscheidung ist. Daher muß man auch Wählerströme von und zu dieser Gruppe berechnen und diese natürlich auch in der Analyse ausweisen. Selbstverständlich kann eine Wählerstromanalyse nur Auskunft über die Neuaufteilung der Wähler jener Parteien geben, die bei der betrachteten Vorwahl tatsächlich kandidiert haben.

Eigentlich geht das mathematische Modell der Wählerstromanalyse von der Fiktion der gleichen Wählerschaft bei beiden untersuchten Wahlen aus. Das entspricht natürlich nicht ganz der Wirklichkeit. Abgesehen von den nicht besonders großen Auswirkungen von Zu- und Abwanderung starben zwischen den untersuchten Wahlen von 1995 und 1996 (also in etwas weniger als einem Jahr) etwa 75.000 bis 100.000 der Wahlberechtigten der ersten Wahl, und etwas mehr Erstwähler kommen bei der Wählerschaft dazu. Prinzipiell wäre es auch möglich, diese Effekte im Modell der Analyse zu berücksichtigen, allerdings stehen die dafür notwendigen Daten nicht zur Verfügung. Daher müssen wir uns mit einer Fiktion behelfen. Wir gehen von einer fiktiven Vorwahl aus, die etwa am Tage vor der aktuellen Wahl stattgefunden haben könnte, und bei der schon alle Wähler der neuen Wahl teilgenommen haben. Das (fiktive) Ergebnis dieser Wahl setzen wir so an, daß die Parteien dabei dieselben Anteile erreichen wie bei der realen Vorwahl. Das bedeutet ungefähr, daß wir zunächst einmal annehmen, daß die weggestorbenen Wähler und die Erstwähler bezogen auf die kandidierenden Parteien der Vorwahl etwa dieselbe Zusammensetzung aufweisen wie jene Wähler, die tatsächlich bei beiden Wahlen teilgenommen haben. Die berechneten Wählerströme beziehen sich dann auf den Vergleich der fiktiven Vorwahl mit der aktuellen Wahl. Hätten die weggestorbenen Wähler in höherem Maße für Partei A gestimmt als die restlichen Wähler und die hinzugekommenen Erstwähler in höherem Maß für Partei B, dann würde sich das in der statistischen Analyse als Wählerstrom von Partei A zu Partei B äußern.

Statistische Methoden liefern bei sehr kleinen Parteien keine zuverlässigen und aussagekräftigen Schätzungen mehr. Daher werden in der vorliegenden Analyse nicht alle kandidierenden Parteien untersucht, sondern nur die bereits im Parlament vertretenen. Die restlichen Stimmen werden mit den Nicht- und Ungültig-Wählern zusammengefaßt. Jene Gruppe, die wir im folgenden mit der Abkürzung NW bezeichnen werden, besteht also aus den Nichtwählern, den Ungültig-Wählern und den Wählern der in der Analyse nicht gesondert ausgewiesenen Kleinstparteien.


Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse

Vergleich NRW 95 - EU-Wahl 96

  1. Die FPÖ hat netto betrachtet nur sehr wenige STimmen verloren. Ds heißt aber nicht, daß alle ihre Wähler von der NRW 95 auch bei der EU-Wahl 96 für sie gestimmt haben. Über 200.000 ihrer Wähler von 95 haben diesmal keine gültige Stimme für eine der 5 Parlamentsparteien abgegeben, diese Verluste konnten aber durch den Gewinn von über 200.000 SPÖ-Wählern von 95 kompensiert werden.

  2. Noch stärkere Verluste als an die FPÖ hat die SPÖ an die Nichtwähler erlitten. Über 400.000 ihrer Wähler von 95 haben sie 96 nicht gewählt.

  3. Die Verluste der ÖVP gingen hauptsächlich in Richtung Nichtwähler.

  4. Bei der EU-Wahl war die Gruppe der Nichtwähler die mit Abstand größte Wählergruppe.

Vergleich EU-Wahl 96 - EU-Abstimmung 94

  1. Die Mehrheit sowohl der SPÖ-Wähler als auch der ÖVP-Wähler der EU-Wahl 96 haben bei der EU-Abstimmung 95 mit Ja gestimmt. Die Zustimmungsrate der SPÖ-Wähler war dabei deutlich höher als die der ÖVP-Wähler.

  2. Die FPÖ ist die einzige Partei, deren Wähler der EU-Wahl 96 bei der EU-Abstimmung 94 mehrheitlich mit Nein gestimmt haben.


Graphische Darstellung der Wählerströme

Vergleich NRW 95 - EU-Wahl 96

Graphik: Verteilung der Stimmen

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Der erste Balken dieser Graphik repräsentiert die SPÖ-Stimmen von 1995. Die Unterteilung dieses Balkens gibt an, wie sich die SPÖ-Wähler von 1995 bei der Wahl 1996 auf sämtliche kandidierenden Parteien verteilt haben. Da die SPÖ über die Hälfte ihrer Wähler halten konnte, ist der rote Teilbalken der größte Teilbalken des gesamten SPÖ-Balkens. Da sie am stärksten an die Nichwähler verloren hat, ist der weiße Teilbalken der zweitgrößte Teilbalken.

Graphik: Zusammensetzung der Stimmen

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Der erste Balken dieser Graphik stellt die Zusammensetzung der SPÖ-Stimmen von 1996 dar. Man sieht ganz deutlich, daß die SPÖ fast nur von Wählern gewählt wurde, die sie auch schon bei der NRW 95 gewählt haben. Dazugekommen ist nur eine ganz kleine Gruppe früherer FPÖ-Wähler.

Vergleich EU-Wahl 96 - EU-Abstimmung 94

Ja-Nein nach Parteienpräferenz

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Dies Graphik zeigt, daß die SPÖ-Wähler von 1996 bei der EU-Abstimmung 94 zum größten Teil mit Ja gestimmt haben. Nur unter den FPÖ-Wählern von 96 gab es eine Mehrheit von Nein-Stimmen.

Zusammensetzung der Ja- und der Nein-Stimmen

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Diese Graphik zeigt, daß die SPÖ-Wähler von 1996 die größte Gruppe unter jenen Wählern bilden, die 1994 mit Ja gestimmt haben.
Die FPÖ-Wähler von 1996 waren die stärkste Gruppe unter den Nein-Stimmen von 1994.


Tabellenteil

NRW 95 - EU-Wahl 96
Wählerbewegungen in Stimmen

SPÖÖVPFPÖGrüneLIFNWSchwank.
SPÖ106100018000217000400003800042300050000
ÖVP1000106900041000100001000019500021000
FPÖ3600040007540001000100023900055000
Grüne010001000015200030004700028000
LIF01500014000500001060006300043000
NW07000300020001000116600027000

Jede Zeile gibt die Verteilung aller jener Wähler, die '95 eine bestimmte Partei gewählt haben, auf die '96 kandidierenden Parteien an. Die erste Zeile bedeutete also, daß 1.061.000 der SPÖ-Wähler von '95 auch '96 wieder SPÖ gewählt haben, 18.000 der SPÖ-Wähler von '95 diesmal ÖVP gewählt haben usw. Wähler von Kleinparteien wurden dabei mit der Gruppe Nicht- und Ungültigwähler zur Gruppe NW zusammengefaßt.

Jede Spalte gibt an, woher die Parteien Zugewinne erzielen konnten. Beispielsweise bedeutet die erste Spalte, daß die SPÖ außer den 1.061.000 SPÖ-Wählern vom letzten Mal diesmal zusätzlich 1.000 frühere ÖVP-Wähler, 36.000 frühere FPÖ-Wähler ... für sich gewinnen konnte.

Die in der Spalte Genauigkeit angegebene Zahl ist die im Abschnitt "Methodische Genauigkeit" beschriebene Schwankungsbreite. Sie gibt an, mit welcher Unsicherheit die in der Tabelle geschätzten Wählerströme noch behaftet sind.

NRW 95 - EU-Wahl 96
Saldierte Wählerströme

SPÖÖVPFPÖGrüneLIFNW
SPÖ1061000-17000-181000-40000-38000-423000
ÖVP170001069000-37000-90005000-188000
FPÖ18100037000754000900013000-236000
Grüne400009000-900015200047000-45000
LIF38000-5000-13000-47000106000-62000
NW42300018800023600045000620001166000

Die erste Zeile dieser Tabelle gibt die Nettowählerströme von der SPÖ weg an. Die kursiv geschriebenen Zahlen sind die "Stammwähler", also jene Wähler, die '95 und '96 dieselbe Partei gewählt haben. Der Rest der ersten Zeile bedeutet, daß die SPÖ beispielsweise 181.000 Stimmen netto an die FPÖ verloren hat usw. Diese Tabelle errechnet sich natürlich unmittelbar aus der Tabelle der Wählerbewegungen in Stimmen durch Subtraktion gegenläufiger Wählerströme.

Die Angabe von Fehlergrenzen bei dieser Tabelle würde keinen besonderen Erkenntnisgewinn mehr bringen, da es sich bei dieser Tabelle ja nur um eine andere Darstellung der Tabelle der Wählerströme in absoluten Zahlen handelt und die diesbezüglichen Zahlen bereits angegeben wurden.

EU-Wahl 96 - EU-Abstimmung 94
Abstimmungsverhalten nach Parteipräferenz

JaNeinNWSchwank.
SPÖ1041000450001200061000
ÖVP765000340000700019000
FPÖ350000683000600070000
Grüne151000640004000027000
LIF1580001000037000
NW631000434000106600026000

Literatur

Eine mathematische Beschreibung des verwendeten Verfahrens findet sich in der Arbeit
Prognoserechnung am Beispiel der Wahlhochrechnung.
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Autor: Erich Neuwirth
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