Muß ein Wahlanalytiker auch Prozentrechnen können?

Immer nach Wahlen kann man in Zeitungen, aber auch in Radio und Fernsehen sogenannte Wählerstromanalysen finden. Diese Analysen versuchen abzuschätzen, wieviele Wähler zwischen den einzelnen Parteien hin- und hergewechselt haben. Dem Laien stellt sich natürlich die Frage, wie so eine Analyse unter Wahrung des Wahlgeheimnisses überhaupt möglich ist. Die Antwort darauf ist kompliziert. Der Kern einer etwas vereinfachenden Antwort lautet jedenfalls, daß es mit Hilfe komplexer statistischer Verfahren möglich ist, Wählerströme zu schätzen, wenn man davon ausgeht, daß innerhalb der einzelnen Bundesländer die Wechslerquoten (also beispielsweise der Anteil der SPÖ-Wähler vom letzten mal, der diesmal ÖVP gewählt hat) in den einzelnen Gemeinden annähernd gleich ist.

Diese Modellannahme wird immer wieder von manchen Wahlforschern als wissenschaftlich nicht haltbar dargestellt. So war es auch wieder bei der Nationalratswahl 1995. Es erschien eine Publikation, in der versucht wurde, mit einem konkreten Beispiel aus den Wahldaten der Nationalratswahl 1995 zu zeigen, daß diese Annahme verletzt ist. Wir wollen uns mit der dabei verfolgten Argumentation nun etwas genauer auseinandersetzen, weil sie ganz deutlich zeigt, wie man bei unkritischer Anwendung elementarer statistischer Verfahren zu sachlich irreführenden Schlußfolgerungen kommen kann.

Im neuerschienenen Buch von Plasser, Ulram und Ogris:
Wahlkampf und Wählerentscheidung - Analysen zur Nationalratswahl 1995
findet sich in einem Artikel von Ogris/Hofinger
Wählerwanderungen: ein Vergleich fünf verschiedener Wählerstromanalysen anläßlich der Nationalratswahl 1995
folgende Überlegung:

Eine bloße Einteilung nach geographischen Kriterien (wie etwa nach Bundesländern) erscheint uns nicht gegenstandsadäquat - aus dem einfachen Grund, weil gerade bei der Wahl von 1995 in verschiedenen Typen von Gemeinden auch desselben Bundeslandes deutlich verschiedene Wählerbewegungen zu beobachten waren. Der Ausweg kann nur eine zusätzliche Einteilung des Untersuchungsgebiets nach soziopolitischen Kriterien sein.

Das oben Gesagte kann am Beispiel Oberösterreich untermauert werden. Wie aus Tabelle XXX ersichtlich, hat die SPÖ in diesem Bundesland 1995 um so mehr Stimmen gewonnen, je höher ihr Anteil 1994 war. Die FPÖ hat hingegen mit zunehmender Stärke der SPÖ größere Verluste zu verzeichnen. Dies deutet darauf hin, daß es der SPÖ in Oberösterreich gelungen ist, in ihren Hochburgen Wähler von der FPÖ zurückzugewinnen, nicht aber dort, wo sie 1994 schwach war. Die Annahme eines homogenen Trends im ganzen Bundesland würde diese Unterschiede verdecken.

Tabelle XXX: Stimmengewinne bzw. -verluste bei der Nationalratswahl 1995 in Oberösterreich nach Stimmenanteil 1994, in Prozent der gültigen Stimmen.

Stimmengewinne
SPÖ 1995
Stimmenverluste
FPÖ 1995
SP 94 bis 22% 2.9% 0.0%
SP 94 zw. 22% u 30% 3.2% -0.5%
SP 94 zw. 30% u 40% 3.5% -1.0%
SP 94 über 40% 4.0% -1.3%

So weit, so gut. Die Tabelle scheint wirklich auf den beschriebenen Effekt hinzuweisen. Allerdings steht in der Tabellenüberschrift ein entscheidender Hinweis: in Prozent der gültigen Stimmen. Wenn man Wählerstromanalysen oder zumindest etwas ähnliches macht - und im Text ist von Wählerströmen die Rede dann sieht auch ein Laie sofort ein, daß eine ernstzunehmende wissenschaftliche Analyse mit Anteilen an Wahlberechtigten und nicht mit Anteilen an gültigen Stimmen zu rechnen hat. Verwendet man nämlich Anteile an gültigen Stimmen, dann unterschlägt man alle Wählerbewegungen, die diesmalige oder frühere Nichtwähler involvieren und erhält daher auf jeden Fall ein verzerrtes Bild der Wählerströme. Rechnet man daher aus den selben Rohdaten (also den absoluten Stimmenzahlen - sie finden sich am Ende dieses Artikels), die Tabelle XXX produziert haben, eine ähnliche Tabelle, die auch die Nicht+Ungültig+Wahlkartenwähler ausweist und alle Anteile als Prozent an Wahlberechtigten ausdrückt, so erhält man eine neue Tabelle.

Tabelle YYY. Veränderungen von SPÖ, FPÖ und Nichtwählern in Prozent der Wahlberechtigten.

Stimmengewinne
SPÖ 1995
Stimmengewinne
FPÖ 1995
Anteilsveränderung
NW+NG+WK
SP 94 bis 22% 3.0% 0.7% -3.1%
SP 94 zw. 22% u 30% 3.6% 0.3% -3.1%
SP 94 zw. 30% u 40% 4.4% 0.2% -4.2%
SP 94 über 40% 5.7% 0.1% -5.4%

In dieser Tabelle sieht man einen ganz deutlichen Zusammenhang zwischen SPÖ-Gewinnen und geringerem Nichtwähleranteil. Man sieht auch, daß im Vergleich zu diesem Zusammenhang die FPÖ-Änderungen nur geringfügig schwanken. Es gibt, gemessen an Wahlberechtigten, auch keine FPÖ-Verluste. Diese Tabelle liefert also keine Hinweise darauf, daß die SPÖ in ihren Hochburgen FPÖ-Wähler gewinnen konnte. Sie liefert allerdings schon Hinweise, wie dieser Fehlschluß bei Personen, die nicht fachkundig genug sind, zustandekommen konnte. Die FPÖ bleibt etwa gleich, die Nichtwähler werden weniger, und die SPÖ-Wähler und damit auch die Gültig-Wähler werden mehr. Der FPÖ-Anteil gemessen an gültigen Stimmen wird also tatsächlich weniger, aber nicht, weil die FPÖ Stimmen verliert, sondern weil ihre annähernd gleich vielen Stimmen durch mehr gültige Stimmen dividiert werden. Man kann also sicher nicht von einem Rückgewinn von SPÖ-Wählern von der FPÖ reden. Die SPÖ gewinnt überproportional viele Nichtwähler, deswegen steigt ihr Anteil auch dann noch, wenn man ihre Stimmen durch die größer werdende Zahl der gültigen Stimmen dividiert. Damit ist die ganze Hypothese, nach der aus den Daten abzulesen sei, daß die SPÖ in ihren Hochburgen Wähler von der FPÖ rückgewonnen habe, ein Artefakt, das ausschließlich darauf zurückzuführen ist, daß der "Wahlforscher" nicht statistisch sauber mit Daten umgehen kann und für Wählerstromanalysen Anteile an gültigen Stimmen statt Anteile an Wahlberechtigten heranzieht. Somit liegt hier sicher keine wissenschaftlich fundierte Kritik an bestimmten statistischen Analysemethoden vor. Vielmehr zeigt diese Darstellung, daß hier jemand beim Versuch, jemandem anderen Mängel in einem statistischen Modell (also eine gewisse fachliche Inkompetenz) nachzuweisen in einer auch für Nichtfachleute leicht erkennbaren Weise seine eigene Inkompetenz sichtbar macht. Anteile an gültigen Stimmen statt Anteile an Wahlberechtigten zu verwenden ist nämlich nicht einfach ein Rechenfehler oder ein Flüchtigkeitsfehler, es zeigt ganz grundsätzlich Unkenntnis einfachster Grundbegriffe wahlanalytischer Methoden. Eine Privatmeinung darüber, ob eine bestimmte Methodik wissenschaftlich sauber ist oder nicht, steht natürlich jedermann frei. Wie glaubwürdig Kritik aber von einer Seite ist, bei der Unkenntnis auch nur einfachster wahlstatistischer Methoden deutlich sichtbar ist, steht auf einem anderen Blatt.

Anhang

Der Vollständigkeit halber hier die Wahlergebnisse der aufsummierten Gemeindegruppen in Stimmen, damit der Leser, falls er es so wünscht, weitere Berechnungen im selben Gliederungsrahmen durchführen kann.

WB94 G94 SP94 FP94 NW94
SP 94 bis 22% 114591 93898 16642 20936 20693
SP 94 zw. 22% u 30% 191011 155241 40810 35400 35770
SP 94 zw. 30% u 40% 315168 251067 89088 58599 64101
SP 94 über 40% 351494 269203 121226 59963 82291
Total 972264 769409 267766 174898 202855

WB95 G95 SP95 FP95 NW95
SP 94 bis 22% 114758 97555 20141 21720 17203
SP 94 zw. 22% u 30% 191448 161606 47712 36076 29842
SP 94 zw. 30% u 40% 316172 265205 103317 59289 50967
SP 94 über 40% 350936 287849 141148 60234 63087
Total 973314 812215 312318 177319 161099


Erschienen im Newsletter der Österreichischen Statistischen Gesellschaft, Nr. 8, Oktober 1997

Author: Erich Neuwirth

Last Change: 19960914


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