Wählerstromanalyse Nationalratswahl 1994

Univ.Doz. Dr. Erich Neuwirth,
Institut für Statistik, OR und Computerverfahren, Universität Wien

Methodische Vorbemerkungen

Die folgende Wählerstromanalyse berechnet Schätzwerte für den Umfang der Wählerbewegungen zwischen den einzelnen Parteien. Sie verwendet dazu die Wahlergebnisse aller österreichischen Gemeinden und in Wien die Wahlergebnisse der Bezirke.

Grundlage der verwendeten Methode ist die Annahme, daß sich die Wähler einer bestimmten Partei von 1990 diesmal (also 1994) in allen Gemeinden eines Bundeslandes nach etwa demselben Verteilungsschlüssel auf die 1994 kandidierenden Parteien aufgeteilt haben, daß also beispielsweise der Anteil aller SPÖ-Wähler von 1990, die 1994 die ÖVP gewählt haben, in allen oberösterreichischen Gemeinden annähernd gleich war. Ohne eine solche oder ähnliche Annahmen sind Wählerstromanalysen nicht möglich.

Unter dieser Annahme lassen sich mit ziemlich aufwendigen mathematisch-statistischen Verfahren die Wählerströme schätzen, und man kann zusätzlich auch Schwankungsbreiten für diese Schätzwerte angeben. Für die politische Interpretation der Ergebnisse ist die Angabe von Schwankungsbreiten von hoher Bedeutung, weil ja Wählerbewegungen, deren Umfang mit hoher statistischer Absicherung angegeben werden kann, andere Schlußfolgerungen zulassen als mit hohen Unsicherheiten behaftete Schätzungen.


Verfahrensfragen

Bei Wählerstromanalysen gibt es drei Hauptprobleme technischer Natur:


Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse

Bundesweit

  1. Die dominierende Wählerbewegung war ein Verlust der SPÖ an die FPÖ in der Höhe von ca. 250.000 Stimmen, die Verluste der ÖVP an die FPÖ sind nur etwa halb so hoch.
  2. Sowohl SPÖ als auch ÖVP verlieren mehr als 100.000 Stimmen and Nicht- oder Ungültigwähler.
  3. Das Liberale Forum gewann am stärksten durch Mobilisierung früherer Nicht- und Kleinstparteienwähler, etwas weniger stark auf Kosten der Grünen, und in noch etwas geringerem Umfang zu etwa gleichen Teilen von SPÖ, ÖVP und FPÖ.
  4. Die Grünen erzielten ihre stärksten Gewinne durch Mobilisierung von früheren Nicht- und Kleinstparteienwähler, etwas geringere Gewinne gingen auf Kosten von SPÖ und FPÖ, und die geringsten Gewinne kamen von der ÖVP.
  5. Die höchsten Gewinne von früheren Nicht- und Kleinstparteienwählern erreichte das Liberale Forum. Merkbar geringere Zugewinne von dieser Gruppe erreichten die Grünen, und noch etwas geringere Gewinne von dieser Gruppe konnte die FPÖ erzielen.

Bundesländerzpezifisch

  1. Die stärksten Gewinne von der SPÖ erzielte die FPÖ in Wien.
  2. Die stärksten Gewinne von der ÖVP erzielte die FPÖ in Kärnten und in der Steiermark.
  3. Das Liberale Forum erzielte seine Gewinne auf Kosten der ÖVP vor allem in Wien.

Graphische Darstellung der Wählerströme

Wählerströme nach der Herkunft der Wähler

[Balkendiagramm]

Zusammensetzung der Parteienergebnisse 1994

[Balkendiagramm]


Tabellenteil

Wählerbewegungen in Stimmen

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
SPÖ15520005000246000380003800012500016000
ÖVP2000121500011100021000370001170008000
FPÖ0061400040000400008000025000
GAL000145000550001100011000
NW03000280006400083000110200014000

Jede Zeile gibt die Verteilung aller jener Wähler, die 90 eine bestimme Partei gewählt haben, auf die 94 kandidierenden Parteien an. Die erste Zeile bedeutete also, daß 1552000 der SPÖ-Wähler von 90 94 wieder SPÖ gewählt haben, 5000 der SPÖ-Wähler von 90 diesmal ÖVP gewählt haben usw. Wähler von Kleinstparteien wurden dabei mit der Gruppe Nicht- und Ungültigwähler zur Gruppe NW zusammengefaßt.

Saldierte Wählerströme

SPÖÖVPFPÖGALLFNW
SPÖ155200030002460003800038000125000
ÖVP-300012150001110002100037000114000
FPÖ-246000-111000614000400004000052000
GAL-38000-21000-4000014500055000-53000
NW-125000-114000-5200053000830001102000

Die erste Zeile dieser Tabelle gibt die Nettowählerströme von der SPÖ weg an. Die kursiv geschriebenen Zahlen sind die "Stammwähler", also jene Wähler, die 90 und 94 dieselbe Partei gewählt haben. Der Rest der ersten Zeile bedeutet, daß die SPÖ netto 3000 Stimmen an die ÖVP verloren hat usw. Diese Tabelle errechnet sich natürlich unmittelbar aus der Tabelle der Wählerbewegungen in Stimmen durch Subtraktion gegenläufiger Wählerströme.

Die Angabe von Fehlergrenzen bei dieser Tabelle würde keinen besonderen Erkenntnisgewinn mehr bringen, da es sich bei dieser Tabelle ja nur um eine andere Darstellung der Tabelle der Wählerströme in absoluten Zahlen handelt und die diesbezüglichen Zahlen bereits angegeben wurden.

Analysen der einzelnen Bundesländer

Wählerbewegungen in Stimmen

Verteilung der SPÖ-Wähler

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
Öst155200050002460003800038000125000 16000
B 80000050001000100050001000 1000
K 1290002000160005000011000 3000
N 3180000410000042000 3000
O 267000029000140001000019000 3000
Sa 8000010009000200008000 2000
St 27300003700080001000017000 3000
T 84000016000600030008000 2000
V 32000070000200015000 2000
W 2880003000850002000130000 15000

Verteilung der ÖVP-Wähler

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
Öst200012150001110002100037000117000 8000
B 0570004000100004000 1000
K 0510007000006000 2000
N 0308000310001000028000 2000
O 1000223000210009000013000 2000
Sa 0730006000200004000 1000
St 0204000370005000018000 2000
T 100012500020003000025000 2000
V 05400030001000019000 1000
W 011900000360000 7000

Verteilung der FPÖ-Wähler

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
Öst00614000400004000080000 25000
B 0019000001000 1000
K 00850005000500012000 3000
N 00890006000800012000 5000
O 001150000014000 3000
Sa 0044000020008000 3000
St 0010000010000400020000 4000
T 0057000300006000 3000
V 0024000010008000 2000
W 008100018000200000 23000

Verteilung der Grüne-Wähler

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
Öst0001450005500011000 11000
B 000300020000 1000
K 000600010001000 2000
N 00012000170000 3000
O 0002300070000 3000
Sa 0001200060000 3000
St 0001400080008000 3000
T 0001600070000 2000
V 000600020001000 2000
W 0005300050000 8000

Verteilung der Nicht- und Ungültig-Wähler

SPÖÖVPFPÖGALLFNWFehler
Öst030002800064000830001102000 14000
B 0020002000300025000 2000
K 0001000500070000 4000
N 0040003100026000137000 6000
O 0010000900018000171000 5000
Sa 0030004000700076000 4000
St 000800013000111000 4000
T 0020004000700080000 4000
V 0300030006000500030000 3000
W 00400000402000 7000


Nachbemerkungen

Oft werden Wählerstromanalysen leider ohne Angaben über die statistische Zuverlässigkeit publiziert, was die Zuverlässigkeit der abgeleiteten Aussagen schwer beurteilbar macht.

Die Wählerstromanalyse, die im ORF anläßlich der EU-Volksabstimmung veröffentlicht wurde, hat die "Nichtabstimmer" nicht ausgewiesen.

Die Wählerstromanalyse, die im ORF anläßlich der EU-Volksabstimmung veröffentlicht wurde, bezog sich auch auf die Anhänger bzw. Wähler des Liberalen Forums, das 1990 noch nicht kandidiert hatte.


Up to ISOC Home Page