Statistische Wählerstromanalyse der Nationalratswahl 1995

Methodische Vorbemerkungen

Die folgende Wählerstromanalyse berechnet Schätzwerte für den Umfang der Wählerbewegungen zwischen den einzelnen Parteien. Sie verwendet dazu die Wahlergebnisse aller österreichischen Gemeinden und in Wien die Wahlergebnisse der Bezirke.

Grundlage der verwendeten Methode ist die Annahme, daß sich die Wähler einer bestimmten Partei von 1994 diesmal (also 1995) in allen Gemeinden eines Bundeslandes nach etwa demselben Verteilungsschlüssel auf die 1995 kandidierenden Parteien aufgeteilt haben, daß also beispielsweise der Anteil aller SPÖ-Wähler von 1994, die 1995 die ÖVP gewählt haben, in allen oberösterreichischen Gemeinden annähernd gleich war. Ohne eine solche oder ähnliche Annahmen sind Wählerstromanalysen nicht möglich.

Unter dieser Annahme lassen sich mit ziemlich aufwendigen mathematisch-statistischen Verfahren die Wählerströme schätzen, und man kann zusätzlich auch Schwankungsbreiten für diese Schätzwerte angeben. Für die politische Interpretation der Ergebnisse ist die Angabe von Schwankungsbreiten von hoher Bedeutung, weil ja Wählerbewegungen, deren Umfang mit hoher statistischer Absicherung angegeben werden kann, andere Schlußfolgerungen zulassen als mit hohen Unsicherheiten behaftete Schätzungen.

Verfahrensfragen

Bei Wählerstromanalysen gibt es drei Hauptprobleme technischer Natur:

Man muß eine eigene zusätzliche "Partei der Nichtwähler" einführen, weil das Nichtwählen eine mögliche zu berücksichtigende Wählerentscheidung ist. Daher muß man auch Wählerströme von und zu dieser Gruppe berechnen und diese natürlich auch in der Analyse ausweisen. Selbstverständlich kann eine Wählerstromanalyse nur Auskunft über die Neuaufteilung der Wähler jener Parteien geben, die bei der betrachteten Vorwahl tatsächlich kandidiert haben.

Eigentlich geht das mathematische Modell der Wählerstromanalyse von der Fiktion der gleichen Wählerschaft bei beiden untersuchten Wahlen aus. Das entspricht natürlich nicht ganz der Wirklichkeit. Abgesehen von den nicht besonders großen Auswirkungen von Zu- und Abwanderung starben zwischen den zwei Nationalratswahlen 1994 und 1995 (also in etwas mehr als einem Jahr) etwa 75.000 bis 100.000 der Wahlberechtigten der ersten Wahl, und etwas mehr Erstwähler kommen bei der Wählerschaft dazu. Prinzipiell wäre es auch möglich, diese Effekte im Modell der Analyse zu berücksichtigen, allerdings stehen die dafür notwendigen Daten nicht zur Verfügung. Daher müssen wir uns mit einer Fiktion behelfen. Wir gehen von einer fiktiven Vorwahl aus, die etwa am Tage vor der aktuellen Wahl stattgefunden haben könnte, und bei der schon alle Wähler der neuen Wahl teilgenommen haben. Das (fiktive) Ergebnis dieser Wahl setzen wir so an, daß die Parteien dabei dieselben Anteile erreichen wie bei der realen Vorwahl. Das bedeutet ungefähr, daß wir zunächst einmal annehmen, daß die weggestorbenen Wähler und die Erstwähler bezogen auf die kandidierenden Parteien der Vorwahl etwa dieselbe Zusammensetzung aufweisen wie jene Wähler, die tatsächlich bei beiden Wahlen teilgenommen haben. Die berechneten Wählerströme beziehen sich dann auf den Vergleich der fiktiven Vorwahl mit der aktuellen Wahl. Hätten die weggestorbenen Wähler in höherem Maße für Partei A gestimmt als die restlichen Wähler und die hinzugekommenen Erstwähler in höherem Maß für Partei B, dann würde sich das in der statistischen Analyse als Wählerstrom von Partei A zu Partei B äußern.

Statistische Methoden liefern bei sehr kleinen Parteien keine zuverlässigen und aussagekräftigen Schätzungen mehr. Daher werden in der vorliegenden Analyse nicht alle kandidierenden Parteien untersucht, sondern außer den bereits im Parlament vertretenen nur jene, die erwarten lassen, daß sie zumindest in die Nähe jener Größenordnung kommen, die einen Einzug ins Parlament möglich erscheinen läßt. Die restlichen Stimmen werden mit den Nicht- und Ungültig-Wählern zusammengefaßt. Jene Gruppe, die wir im folgenden mit der Abkürzung NW bezeichnen werden, besteht aus den Nichtwählern, den Ungültig-Wählern und den Wählern der in der Analyse nicht gesondert ausgewiesenen Kleinstparteien.

Zusammenfassung der wichtigsten Analyseergebnisse

Bundesweit

  1. Die SPÖ hat praktisch keine ihrer früheren Wähler verloren. Die SPÖ-Gewinne waren am stärksten von den Nichtwählern (ca. 150.000 Stimmen), und am zweitstärksten von der FPÖ (ca. 50.000 Stimmen).

  2. Die stärkste Bewegung zwischen den Parteien waren Verluste des LIF an die ÖVP in der Höhe von fast 70.000 Stimmen.

  3. Die zweitstärkste Bewegung zwischen den Parteien waren Verluste der Grünen an das LIF im Umfang von fast 60.000 Stimmen.

Bundesländerzpezifisch

  1. Die FPÖ hat in Wien und Niederösterreich Verluste von 10 bis 20 Prozent ihrer Wähler an die SPÖ zu verzeichnen.

  2. Der Wählerstrom vom LIF zur ÖVP war in Kärnten und Wien besonders stark.

  3. Die Verluste der FPÖ an die ÖVP waren im Burgenland besonders hoch.

Graphische Darstellung der Wählerströme

Graphik: Verteilung der Stimmen

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Der erste Balken dieser Graphik repräsentiert die SPÖ-Stimmen von 1994. Die Unterteilung dieses Balkens gibt an, wie sich die SPÖ-Wähler von 1994 bei der Wahl 1995 auf sämtliche kandidierenden Parteien verteilt haben. Da die SPÖ sehr wenige frühere Wähler verloren hat, gibt es kaum Teilbalken, die Übergänge zu anderen Parteien anzeigen. Beim GAL-Balken ist hingegen deutlich zu erkennen, daß ein erheblicher Teil der GAL-Wähler von 1994 bei der Wahl 1995 das Liberale Forum gewählt hat.

Graphik: Zusammensetzung der Stimmen

Wie ist diese Graphik zu lesen (ein Beispiel):

Der erste Balken dieser Graphik stellt die Zusammensetzung der SPÖ-Stimmen von 1995 dar. Man sieht ganz deutlich, daß die stärksten SPÖ-Zugewinne von früheren Nichtwählern kommen, und daß die zweitstärksten Zugewinne auf Kosten der FPÖ gehen.

Tabellenteil

Wählerbewegungen in Stimmen


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
SPÖ1525000100040000200020000±20000
ÖVP40001143000420002000033000±11500
FPÖ49000280008760000044000±24500
GAL33000360000178000590003000±15000
LIF3300066000030001490002000±21000
NW1450004600010800030000360001070000±13000

Jede Zeile gibt die Verteilung aller jener Wähler, die '94 eine bestimme Partei gewählt haben, auf die '95 kandidierenden Parteien an. Die erste Zeile bedeutete also, daß 1.525.000 der SPÖ-Wähler von '94 auch '95 wieder SPÖ gewählt haben, 1.000 der SPÖ-Wähler von '94 diesmal ÖVP gewählt haben usw. Wähler von Kleinparteien wurden dabei mit der Gruppe Nicht- und Ungültigwähler zur Gruppe NW zusammengefaßt.

Jede Spalte gibt an, woher die Parteien Zugewinne erzielen konnten. Beispielsweise bedeutet die erste Spalte, daß die SPÖ außer den 1.525.000 SPÖ-Wählern vom letzten Mal diesmal zusätzlich 4.000 frühere ÖVP-Wähler, 49.000 frühere FPÖ-Wähler ... für sich gewinnen konnte.

Die in der Spalte Genauigkeit angegebene Zahl ist die im Abschnitt "Methodische Genauigkeit" beschriebene Schwankungsbreite. Sie gibt an, mit welcher Unsicherheit die in der Tabelle geschätzten Wählerströme noch behaftet sind.

Saldierte Wählerströme


SPÖÖVPFPÖGALLIFNW
SPÖ15250003000450003300031000125000
ÖVP-30001143000-14000340006600013000
FPÖ-45000140008760000064000
GAL-33000-340000178000-5600027000
LIF-31000-6600005600014900034000
NW-125000-13000-64000-27000-340001070000

Die erste Zeile dieser Tabelle gibt die Nettowählerströme von der SPÖ weg an. Die kursiv geschriebenen Zahlen sind die "Stammwähler", also jene Wähler, die '94 und '95 dieselbe Partei gewählt haben. Der Rest der ersten Zeile bedeutet, daß die SPÖ beispielsweise 45.000 Stimmen netto von der FPÖ gewonnen hat usw. Diese Tabelle errechnet sich natürlich unmittelbar aus der Tabelle der Wählerbewegungen in Stimmen durch Subtraktion gegenläufiger Wählerströme.

Die Angabe von Fehlergrenzen bei dieser Tabelle würde keinen besonderen Erkenntnisgewinn mehr bringen, da es sich bei dieser Tabelle ja nur um eine andere Darstellung der Tabelle der Wählerströme in absoluten Zahlen handelt und die diesbezüglichen Zahlen bereits angegeben wurden.

Analysen der einzelnen Bundesländer

Wählerbewegungen in Stimmen

Verteilung der SPÖ-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.1525000100040000200020000±20000
B7500001000010003000±1500
K12300000007000±2500
N31600000003000±3500
O26800000000±3500
Sa7700010002000000±1500
St26800000005000±2500
T8000001000010003000±2000
V3200000000±1500
W28500000000±19000

Verteilung der ÖVP-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.40001143000420002000033000±11500
B0520001000003000±1000
K0470001000005000±2000
N029700020000010000±2500
O02140003000006000±2000
Sa0690005000000±1500
St100018500012000005000±2000
T200010200016000100005000±1500
V0560002000000±1500
W01210000000±10000

Verteilung der FPÖ-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.49000280008760000044000±24500
B0400026000000±1500
K03000101000005000±4000
N150007000136000007000±6000
O04000164000007000±4000
Sa0100061000000±3500
St090001400000025000±5000
T0077000000±3000
V0036000000±2000
W340000134000000±21500

Verteilung der GAL-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.33000360000178000590003000±15000
B100010000300010000±1500
K3000004000100000±3000
N6000500003100080000±4500
O01700003400040000±4500
Sa4000001300020000±3500
St30001000002500060000±4500
T6000200001800060000±4000
V000900010003000±2500
W90000042000210000±10500

Verteilung der LIF-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.3300066000030001490002000±21000
B100010000040000±1500
K300070000100000±3000
N01700000340000±4000
O13000000210000±4000
Sa1000300000110000±3500
St10000002000230000±4500
T4000200000110000±3000
V100000070002000±2500
W03600000380000±19000

Verteilung der Nicht- und Ungültig-Wähler


SPÖÖVPFPÖGALLIFNWGenauig.
Öst.1450004600010800030000360001070000±13000
B4000030001000027000±2000
K11000500090005000100071000±5000
N2400002500030004000164000±6500
O3100040001000040008000159000±5000
Sa9000600040001000300073000±3500
St1400015000600010000139000±5000
T110001100080004000400080000±3000
V70004000110003000500044000±4000
W34000032000700012000313000±4000


Literatur

Eine mathematische Beschreibung des verwendeten Verfahrens findet sich in der Arbeit Prognoserechnung am Beispiel der Wahlhochrechnung.
Es handelt sich dabei um eine Adobe Acrobat Datei. Die enstprechende Software zum Darstellen solcher Dateien finden Sie auf unserer client page.
Zurück zur SunSITE Austria Home Page
Autor: Erich Neuwirth
Last Change EN 951220